Bergbauweg · Station
Der einäugige Venediger
Bereits im 12. Jahrhundert waren zahlreiche ausländische Leute auch in der Gegend um das jetzige Warmensteinach unterwegs, um nach Gold, Silber, Erzen und Mineralien zu suchen. Man nannte sie damals „Wallende“, „Welsche“, „Walen“ und auch „Venediger“.
Sie hielten sich abseits der Bevölkerung und galten deshalb als seltsam und geheimnisvoll. Wie die nachstehende Sage erzählt, war die Suche dieser Fremden nach den Schätzen der Erde nicht erfolglos ...
„Der einäugige Venediger“
Einmal gingen mehrere Burschen aus Neubau vom Wirtshaus heim. Plötzlich kam ein mächtiger Sturm auf und setzte ihnen zu. Einer aus der kleinen Gruppe zog mit einem Mal ein Messer und warf es in die Windsäule. Jetzt glaubten alle, einen Fremden, einen Venediger darin zu sehen, dem ihr Kamerad Hans ein Auge ausgeworfen hatte. Aus Angst vor der Rache des Verletzten versteckten sich alle schnell hinter einem Holzstoß. Der Venediger aber hatte den böswilligen Täter doch erkannt.
Jahre vergingen. Oft schon hatte er Messerwerfer seine Tat bereut und immer wieder an den armen Venediger gedacht, en er mit seiner unbedachten Handlung so schlimm getroffen hatte.
Eines Tages nun sah er sich unversehens in eine große, ihm fremde Stadt versetzt. Verwundert lief er durch die Straßen und schaute die prächtigen Häuser an. Plötzlich hörte er laut seinen Namen rufen. Als er sich umwandte, kam aus einem Haus ein Mann auf ihn zu und nahm ihn mit in seine Wohnung.
Welche Pracht bekam er da zu sehen. „Schau Dich nur um“, begann da sein Gastgeber. „Dieses Haus mit seiner ganzen Einrichtung und noch viel mehr habe ich mir in langen Jahren in Deiner Heimat, dem Fichtelgebirge, verdient. Viel Gold und Silber habe ich dort gefunden. Das alles wurde mir aber nicht geschenkt. Große Mühen und viele Entbehrungen mußte ich auf mich nehmen. Zum Schluß verlor ich auch noch ein Auge. Du warst es, der mich mutwillig durch einen Messerwurf so schwer verletzte.“
Erschrocken schaute Hans seinen Gastgeber an, der ihn mit seinem einen Auge finster anstarrte. „Ich könnte Dich jetzt für Deine Tat bestrafen“, fuhr der Venediger fort. „Weil Du aber in all den vergangenen Jahren Mitleid und Reue gezeigt hast, will ich nichts dergleichen tun. Im Gegenteil, hier nimm dies als Andenken an den heutigen Tag!“ Mit diesen Worten überreichte er dem erstaunten Neubauer Gold und Silber von unermeßlichem Wert.
Gerade als sich dieser bedankte und seinem Gastgeber nochmals seine Reuer über die unselige Tat ausdrücken wollte, fühlte er sich in seine Fichtelgebirgsheimat zurückversetzt. Er war wieder in seiner armseligen Hütte – aber die wertvollen Geschenke des Venedigers lagen neben ihm. Er war ein reicher Mann.
Textauszug aus: Der einäugige Venediger, in: Herrmann, Arno (Hg.): Sagen und Geschichten aus Warmensteinach und seiner näheren Umgebung, Warmensteinach 1986.
Die Texte entsprechen der Entwurfsfassung der Tafeln und können sich noch ändern.
Die Tafel an der Station
